Britta Heidemann ist Deutschlands bekannteste Fechterin. Aber nicht nur das: Die Partnerin der DVAG ist auch China-Expertin, Unternehmensberaterin und Leseratte.

Im Exklusiv-Interview mit dem DVAG TeamBlog spricht die 27-Jährige über die Lust auf Abwechslung und erklärt, warum Mantel-und Degen-Filme nichts mit Fechten zu tun haben.

Hallo Frau Heidemann. Gleich zu Beginn ein Kompliment: Sie sind eine wirklich interessante Frau.

Britta Heidemann: (lacht) Dankeschön!

Weltklasse-Fechterin, China-Expertin, Unternehmensberaterin, Familienmensch. Das verspricht einiges.

Mein Leben ist auf jeden Fall sehr spannend, war es zum Glück schon immer. Als Kind bin ich mit meiner Familie schon sehr viel gereist. Dazu durfte ich immer viele interessante Dinge ausprobieren. Fechtsport gehört natürlich dazu, aber auch Chinesisch Lernen, Orgel Spielen und solche Dinge. Und durch die Erfolge im Sport ist das in den letzten Jahren noch einmal auf eine ganz andere Ebene gehoben worden. Neben Fechten und meiner freiberuflichen Unternehmensberatung bekomme ich wegen meines China-Hintergrunds viele Anfragen aus Politik und Wirtschaft zu diesem Thema. Dazu kommen natürlich auch Einladungen zu einmaligen Erlebnissen wie zuletzt einem Parabelflug oder demnächst einer Taxifahrt im DTM-Auto. Das würde ich sonst alles nicht erleben. Von daher ist mein Leben in der Tat interessant.

Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?

Das läuft alles parallel, selbst in der Vorbereitung auf große Fecht-Wettkämpfe. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich in einzelnen Dingen besser bin, wenn ich noch andere Sachen nebenher mache. Allerdings muss ich immer darauf achten, meine Grenzen zu erkennen und den schmalen Grat zur Überbelastung nicht zu überschreiten. Wenn der Punkt erreicht ist, sage ich auch mal Dinge ab. Das musste ich im Laufe der Jahre aber erst lernen.

SPOX in action – Fechten im Selbstversuch: Ein Arbeitstag mit Britta Heidemann

Wird der Trainer nicht manchmal wahnsinnig, wenn er sieht, was Sie alles neben dem Training veranstalten?

Ich hatte immer großes Glück mit meinen Lehrern und Trainern, habe aber auch immer gute Leistungen gebracht, sei es in der Schule oder im Training. Das hat es ihnen leichter gemacht, mir meine Freiräume zu geben. Ich war allerdings auch schon immer sehr eigensinnig. Wenn ich krank war, habe ich nicht trainiert, basta. Solche Entscheidungen habe ich aber immer rational erklärt. Ich handle zwar manchmal auch aus dem Bauch heraus, wichtige Entscheidungen trifft bei mir aber der Kopf.

Auch beim Fechten?

Klar. Die Mischung aus Strategie und Geduld, aber auch manchmal dem Bauchgefühl, eine schnelle Entscheidung zu treffen, macht den Erfolg aus.

Hatten Sie auch schon mit elf, zwölf Jahren Ihren eigenen Kopf? Normalerweise macht man in dem Alter doch, was der Trainer sagt, oder?

Wenn man wie ich ein sehr besonnenes Elternhaus hat, das andere Werte lehrt, dann nicht. Wir wurden immer vernünftig gefördert und gefordert. Dieses richtige Maß fehlt vielleicht beim einen oder anderen Nachwuchsathleten.

Sind Sie eine Streberin oder fliegt Ihnen das alles zu?

Ich finde Strebsamkeit positiv, auch wenn es bei uns häufig im negativen Sinn verwendet wird. Meine Eltern haben mir beigebracht: Wenn du irgendwo schlecht bist, dann halst du dir dadurch nur einen unglaublichen Stress auf. Wenn man von Anfang an etwas dafür einsetzt, erfolgreich zu sein, bekommt man später umso mehr zurück. Mir fällt es überhaupt nicht schwer, mich für viele Sachen einzusetzen. Ich tue viel, erlebe aber dafür auch eine Menge. Das finde ich cool. Es macht mir Spaß, zum Beispiel zu Musical- oder Kinopremieren zu gehen. Aber harte und disziplinierte Arbeit sind natürlich dafür Voraussetzung. Ich könnte mit einer Fixierung auf nur eine Sache generell nicht glücklich sein. Das hat mich schon immer gelangweilt.

Können Sie andere Sportler verstehen, die den Tunnelblick nur auf ihre Sportart richten?

Natürlich habe ich davor Respekt. Jeder muss sein Leben so leben, wie er es für richtig hält. Nur für mich wäre das nichts. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass die meisten Spitzensportler auch in anderen Dingen gut sind. Viele deutsche Athleten, die in Peking mit mir auf dem Podium standen, haben nebenbei studiert oder eine Ausbildung gemacht.

Während andere Sportler Playstation spielen, lesen Sie Max Frisch und Albert Camus.

(lacht) Ich bin wirklich eine Leseratte. Es ist unglaublich, wie viele Bücher ich lese. Nicht nur Camus oder Frisch, auch Krimis und Historienromane. Ich weiß auch nicht wie, aber wenn man sich seine Tage gut einteilt, hat man noch genug Freizeit.

Woher kommt Ihre Liebe zu China?

China ist einfach ein unglaublich facettenreiches Land, das mich von Anfang an gepackt hat. Man ist viel häufiger einfach nur erstaunt, anstatt etwas gut oder schlecht zu finden. Vieles ist anders. Vieles aber auch nicht so anders, wie wir hier in Deutschland gerne denken. Bei der rasanten Entwicklung, die das Land in den letzten Jahren durchmacht, hört es nicht auf, interessant zu sein.

Wie oft sind Sie in China?

In diesem Jahr war ich sechsmal da. Immer so zwischen einer und zwei Wochen. Über Weihnachten sind wir auch wieder da. Dann privat bei einem Freund, aber grundsätzlich bin ich häufiger geschäftlich da.

Können Sie sich vorstellen, für immer nach China zu gehen?

Ich kann mir nicht vorstellen, meine Heimatstadt Köln auf Dauer zu verlassen. Zumindest nicht, solange meine Eltern noch dort leben. Denn ich bin sehr familien- und heimatverbunden. Jeder, der viel reist, braucht so eine Homebase.

Sind Sie eine klassische rheinische Frohnatur oder erwischt man Sie auch einmal extrem schlecht gelaunt?

Genau wie jeder andere Mensch bin ich auch mal nicht gut drauf. Aber ich kann glücklich sein, ohne mir viele Gedanken darüber zu machen. Ich muss mir schöne Dinge nicht schlecht reden.

Das müssen Sie erklären.

Wenn ich abends auf eine Veranstaltung gehe, dann sitze ich nicht schon vorher zu Hause und denke mir: „Oh Mist, den ganzen Abend nur oberflächliche Gespräche.“ Ich denke mir: „Ein paar nette Leute werden schon da sei. Und wenn nicht, gibt es immer noch gutes Essen.“ Das ist alles eine Frage der Einstellung. Immer positiv denken und sich eine gesunde Neugier auf Neues bewahren, das finde ich wichtig.

Fielen die Playboy-Aufnahmen vor einigen Jahren auch in die Rubrik „Neugier auf etwas Neues“?

Heidemann: Zum damaligen Zeitpunkt und auch heute finde ich das völlig in Ordnung. Einziger Wermutstropfen an der Sache ist, dass wir nicht gedacht hätten, dass sich das Internet so rasant entwickelt. Die Fotos waren für diesen einen Monat im Heft gedacht, aber im Internet wird man sie nicht wieder los. Das ist echt nervig.

Apropos Internet: Dort gibt es Videos von einem Fotoshooting, in dem Sie als Kiddo aus Kill Bill posieren.

Das war ein Shooting für ein Kunst-Magazin. Und das war wieder mal einer dieser Tage, die unglaublich interessant waren. Ich hatte fünf verschiedene Kostüme an, alle maßgeschneidert. Ich glaube, viele Frauen wären total neidisch gewesen (lacht). Ich habe das volle Programm bekommen: Makeup, Fingernägel, Haare. Jedes Outfit hat in der Vorbereitung um die zwei Stunden gedauert. Das waren zwei Tage komplettes Verwöhnprogramm mit ziemlich abgefahrenen Fotos – aber nur für die private Sammlung.

Dabei stehen Sie doch sonst eher auf Komödien als auf Kill Bill, oder?

Ich gucke tatsächlich sehr gerne diese Romantik-Komödien (lacht). Ich mag auch gerne Friends und Scrubs. Lieber was zum Lachen.

Bei einer Fechterin liegt es nahe zu denken, dass Sie früher gerne Mantel-und-Degen-Filme geschaut haben.

Das ist glaube ich der Hintergrund, den ein Fechter mit Abstand am seltensten hat (lacht). Das Fechten in solchen Filmen ist mit dem Sportfechten nicht direkt zu vergleichen.

Wie sind Sie überhaupt zum Fechten gekommen?

Über den Modernen Fünfkampf. Ich habe erst Leichtathletik und Schwimmen gemacht, bin dann aber über meine Mutter zum Fünfkampf gekommen. Da ist auch Fechten dabei, und daran bin ich dann hängen geblieben.

Warum fasziniert Sie Fechten so? Ist es der Duellcharakter?

Nein. Im Fechten geht es aus meiner Sicht mehr darum, gegen sich selbst zu kämpfen. Man muss sich selbst zwingen, in jeder Sekunde konzentriert und motiviert zu bleiben.

Agieren Sie beim Fechten mehr oder reagieren Sie auf die Gegnerin?

Für mich als gute Fechterin ist es natürlich der Plan, der Gegnerin meinen Stil aufzudrängen.

Warum der Degen als Waffe?

Ich bin groß, meine Reichweite ist groß. Das passt perfekt zum Degenfechten.

Wie lauten Ihre sportlichen Ziele für die kommenden Jahre?

Die Ziele sind für mich als Weltranglisten-Erste immer die gleichen. Ich kann im November nicht zur WM nach Paris fahren und sagen, dass ich als Fünfte glücklich bin. Natürlich will ich eine Medaille. Das große Ziel ist aber Olympia 2012 in London.

Und wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Das ist genau die Frage für mich. Mache ich nach 2012 noch vier Jahre weiter oder nicht? Ich habe ja jetzt schon neben dem Sport so viele spannende Projekte. Auf jeden Fall bin ich aber in zehn Jahren Mutter.